1. SÄCHSISCHER MOUNT EVEREST TREPPENMARATHON 16-17.4.2005
Es war im Sommer des Jahres 2004, als in der towerrunning - Mailbox eine erste Vorankündigung dieser Veranstaltung einlangte. Welch grandiose Idee: 39700 Stufen - 100x die Spitzhaustreppe rauf und runter ( exakt eigentlich runter und rauf :o) ) , 8848 Höhenmeter = Mount Everest und Gesamtdistanz zweimal Marathon. Es ist ein Zufall, daß die technischen Daten der in den Weinbergen des nahe bei Dresden gelegenen sächsischen Radebeul liegenden Treppe, auf der es schon seit 2001 einen "einfachen" Treppenlauf gibt, so passend sind - aber man muß erst einmal darauf kommen ! Und diese geniale Idee hatte Christian Hunn vom Radebeuler Treppenlauf Team, als er vom Besuch der Leipziger Mount Everest - Ausstellung heimwärts fuhr.
Faszinierend war natürlich auch der Gedanke, daß dies das weltweit allererste öffentlich ausgeschriebene Ultra-Rennen für Treppenläufer sein würde - alle mir bekannten extremen Leistungen in diesem Bereich waren Einzelaktionen ! Der Gedanke an eine Teilnahme war sofort da und im Oktober des letzten Jahres fuhren wir dann zum traditionellen Lauf nach Radebeul, einerseits um uns die Treppe einmal anzuschauen und andererseits um das Organisationsteam kennenzulernen. Mit einem sehr positiven Gesamteindruck fuhren wir damals nach Hause. Eine Gruppe des Radebeuler Treppenlauf Teams haben wir dann im November nochmals beim Donauturm-Treppenlauf in Wien begrüßen dürfen, da war der Mount Everest praktisch schon beschlossene Sache ...
Samstag, der 16. April 2005, 16 Uhr - Ein historischer Moment im Treppenlauf-Sport : 2 Frauen und 26 Männer machen sich auf die Reise ins Ungewisse, ihr Ziel ist eine virtuelle Besteigung des Mount Everest oder real 100 Runden. Vom Start/Ziel bis zur Treppe, diese hinunter, rechts einbiegen etwa 150 Meter leicht bergab, dann um den Wendepunkt-Reifenstapel herum und zurück dasselbe nochmals - nur halt bergauf. Ebenfalls ins Rennen gehen die Startläufer der 7 Dreierseilschaften ( mindestens 25, maximal 50 Runden je Mitglied ); etwa eine Stunde vorher hatte es im Versorgungszelt noch ein Briefing für die Teilnehmer gegeben, wo insbesondere die "Spielregeln" an der Treppe erläutert wurden.
Es ist schon ein aufregendes Gefühl in der ersten Runde bei noch geschlossenem Feld zu laufen, beim Aufstieg reihe ich mich übrigens direkt hinter Bianca Gudd ein - nach dem Motto: Ein schöner Rücken kann auch entzücken :o) . Die ersten Runden werden abgespult, das Feld ist schon weit auseinandergezogen und die herrschende Hitze macht sich eher unangenehm bemerkbar - es muß über 20° haben und die Nachmittagssonne scheint direkt auf die Treppe. Dennoch liegt der Schnitt meiner Rundenzeiten noch knapp unter 10 Minuten, wie auf der großen Uhr bei Start/Ziel schön abzulesen ist. Alles läuft rund und mit Interesse beobachte ich die Laufstile der anderen besonders bergab ! Die Treppe ist eine sogenannte Jahrestreppe mit 52x7 + später unten angebauten 3x11 Stufen und beidseitigem Geländer. Einige sind beim Runterlaufen mit der rechten Hand am Geländer heruntergerutscht, während die Beine mehrere Stufen auf einmal nahmen - mit und ohne Handschuh ! Der Meister in dieser Technik war zweifellos der Schweizer Weltrekordhalter im 24 Stunden - Treppenlauf Kurt Hess (das Prozedere für seinen Eintrag ins Guiness-Book läuft noch ). Gestaunt habe ich auch über Startnummer 31 - Ulrike Baars aus Dresden, die noch immer hinauf gelaufen ist - fast alle sind von Runde 1 an treppauf im Einserschritt gegangen !
Die Zeit verstreicht, die Rundenzeiten werden langsamer und der Gedanke an eine Pause wird immer drängender - ich bin auch schon fast vier Stunden unterwegs. Schon machen sich die Touristengruppen fertig zum Start und ich mache nach Runde 25 keine Wende, sondern biege zu den Zelten ab. Ein Viertel ist geschafft - Halbmarathon ! Ich wechsle vom Singlet zum Funktionsshirt und setze mich ein bißchen hin. Wie das Rundenprotokoll ausweist, vergeht fast genau eine Viertelstunde, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Es geht noch immer problemlos dahin, Abwechslung bieten die Überholmanöver der natürlich etwas flotteren "Touristen". Erstaunlicherweise gab´s treppab keine Stürze - manche haben sich wirklich wild heruntergelassen ! Einige Male, wenn ich Stefan begegne, versuche ich, ihn zu überreden, doch endlich einmal zu pausieren - er ist seit 16 Uhr ununterbrochen unterwegs und schaut sehr gezeichnet aus. Die Zeit vergeht, die Runden tröpfeln dahin und auch ich beginne wieder an eine Pause zu denken. Als ich wieder einmal beim oberen Wendepunkt vorbeikomme, ruft mir der Zeitnehmer 43 zu - das deckt sich auch mit meiner Zählung und ich beschließe: noch 2 !
Nach 45 absolvierten Runden ist es soweit. Zuerst trabe ich ins "Athletenzelt" und wechsle in ein langes Radtrikot - es geht auf Mitternacht zu und es ist deutlich kühler geworden. Hier werde ich auch Zeuge des "ernsthaftesten" Einsatzes während der ganzen Veranstaltung: Nummer 20 liegt auf seiner Luftmatratze und schaut nicht besonders gut aus. Irgendwie kein Wunder, er ist mir ob seines hohen Tempos auf der Treppe schon Stunden vorher als "Ausfallkandidat" aufgefallen. Zwei anwesende Sanitäter diagnostizieren Unterzucker und beschließen ihn zur Sicherheit in ihr Zelt zu verlegen. Ich wechsle ins Versorgungszelt und gönne mir mal etwas Warmes. Hörnchen, dazu zwei Saucen zur Auswahl und optional Käse und Wurststückchen. Davon vertilge ich gleich einmal zwei Teller, beim Essen plaudere ich mit Herbert Hoffmann aus Dresden - ein alter Bekannter, der schon zweimal auf der Europatreppe in Partenen war. Als Abschluß nehme ich dann noch einen heißen Tee und es geht wieder los !
Und jetzt wird´s interessant. So lang wie jetzt schon war ich noch nie bei einem Lauf unterwegs. Dann ist der Körper bei meinem soliden Lebenswandel :o) um diese Nachtzeit ja auf Schlaf eingestellt und es wird sich zeigen wie er mit der Belastung, die ich ihm zumute, umgeht. Intuitiv beschließe ich meine weitere Taktik - von jetzt an alle 5 Runden eine Auszeit zu nehmen. Wie ich glaube, eine sehr richtige Entscheidung. Außerdem denke ich mir für diesen 5-Rundenblock ein Schema bezüglich Nahrungsaufnahme aus: Nach Runde 1 ein Becher Tee, nach Runde 2 eine Apfelspalte oder ein Stück Banane, nach Runde 3 ein Becher gespritzter Apfelsaft ( die Germanen nenne das Schorle ), nach Runde 4 wird durchgelaufen und und nach jeder 5 Runde wird im Versorgungszelt gespeist und getrunken ! Dieser Rhythmus funktioniert und was mich am meisten überrascht - es stellt sich absolut kein Schlafbedürfnis ein ! Alle Systeme arbeiten zufriedenstellend, auch von seiten der Knie und der Gelenke kommen keine Störimpulse. Bei der späteren Analyse des Rundenprotokolls gibt mir nachher dann nur ein Umstand zu denken: die 57. Runde ist eindeutig zu lang - ich weiß aber überhaupt nicht , warum ? Sonder.
Irgendwann in dieser Nacht sind dann Wolken aufgezogen und es hat sogar zu regnen begonnen; glücklicherweise war das nur sehr kurz und eher erfrischend als störend. Die Temperatur ist auch nicht wesentlich gefallen, so bin ich unten bei "kurz" geblieben. Erfreulich schnell ist es dann langsam hell geworden und die erste Nacht, die ich aus sportlichen Gründen durchgemacht habe, war vorbei. Der Verkehr auf der Treppe hatte schon etwas nachgelassen - viele haben Schlafpausen eingelegt, aber durch die Touristen war doch immer etwas los. Und Zuschauer gab´s auch immer als Motivation - besonders aufgefallen ist mir eine Gruppe am oberen Ende der Treppe, die ihre Mannschaft sehr lautstark angefeuert hat - für die nötige Ölung der Stimmbänder wurde ausreichend Bölkstoff eingesetzt, der von Radeberger soll ja der Beste in den neuen Bundesländern sein :o)
Knapp vor 5 Uhr hat die erste Dreierseilschaft ihre 100 Runden beendet. Vier Stunden später ist nur mehr eine Seilschaft unterwegs und auch die ersten zwei Touristengruppen sind fertig und der erste Alleingänger - Kurt Hess - ist auf seiner letzten Runde, heftig akklamiert vom Publikum, den Streckenposten und den Mitläufern. Nach 17 Stunden, 9 Minuten und 42 Sekunden hat er es dann geschafft - eine gewaltige Leistung - Bravissimo ! Ich bin nur sehr erstaunt, als er mir nur einige Minuten später wieder auf der Treppe entgegenkommt; der Sprecher verkündet dann aber, daß er sich entschlossen hat, die 24 Stunden durchzulaufen. Er wird bis 16 Uhr nochmals 33 Runden schaffen - gigantisch.
Während einer meiner Pausen erfahre ich von Ulrike Baars, daß sie vier Runden vor mir und am vierten Gesamtplatz liegt ! Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, daß ich im Limit die 100 Runden beenden werde, obwohl ich spüre, daß es immer mühsamer wird. Als kleine Erleicherung verordne ich mir jetzt nach der im müden Zustand technisch doch etwas schwierigeren Umrundung des Reifenstapels für die ersten ca. 50 Bergaufmeter Gehen statt Traben.
Nach meiner allerletzten Pause werde ich vom Sprecher, der mich beim Wiedereinstieg beobachtet, mit dem Kommentar " nur noch 5 Runden für unseren Sportsfreund aus Österreich" motiviert. In dieser Runde holt mich unten an der Treppe Günter Frietsch ein - er ist auch in der 96. Runde ! Kurzzeitig erwacht noch einmal das Konkurrenzdenken; es zeigt sich aber beim Aufstieg, daß ich mir keine Sorgen machen brauche. Günter ist zwar durch die vom Sieger abgeschaute Rutschtechnik treppab viel schneller als ich, kann aber treppauf nicht annähernd mein Tempo halten. Und das Ziel ist ja oben :o) .
Die letzten zwei Runden werden jeweils vom Moderator angezählt und in der vorletzten Runde kann ich im Glücksgefühl des bevorstehenden Gipfelsieges sogar noch einmal das Tempo steigern. Die allerletzte Runde gestaltet sich dann zu einem kleinen Triumphzug. Es gibt Sonderapplaus von der Besatzung der unteren Verpflegstelle, Abklatschen mit den andern Einzelgängern und den diensttuenden Streckenposten und ein kleines Hoppala leiste ich mir auch noch ! Beflügelt vom frenetischen Applaus der Zuschauer am oberen Ende der Treppe laufe ich die letzten zwei Podeste - und auf einer der allerletzten von 39700 Stufen bin ich gestolpert :o) . Mit Glück geht diese Einlage gerade noch ohne Sturz ab und mit einem sehr erhebenden Gefühl laufe ich die letzten von 84390 Metern ins Ziel - von Thomas für die Nachwelt dokumentiert !
Der Mount Everest ist bestiegen ! - Zieleinlauf - Rundenprotokoll
Die Nachwirkungen waren eigentlich dieselben wie nach einem Stadtmarathon. In den drei Tagen danach hätte ich beim Abwärts-Stiegensteigen keine besonders guten Stilnoten bekommen und nach längerem Sitzen waren die ersten Schritte etwas mühsam, aber das war auch schon alles. Zugute gekommen bei diesem Abenteuer ist mir sicherlich auch,daß mein Magen sehr tolerant ist - bei allen Lauf- und Radbewerben, die ich bisher bestritten habe, war er mit der angebotenen Verpflegung zufrieden und hat insbesondere alle ihm zugeführten Safterln widerspruchslos hingenommen - brav ! Wahrscheinlich hätte ich aber ein Problem bekommen, wenn ich mir am Vormittag oder zu Mittag nocheinmal etwas Warmes einverleibt hätte; nach der 3. Portion Hörnchen irgendwann in der Nacht hatte ich schon kurz ein eigentümliches Gefühl ! Als wir aber nach einem Abstecher in unsere Pension Moritzhof zwecks Dusche ( man hätte sich dazu auch zum örtlichen Ruderverein fahren lassen können ) für die letzte Stunde wieder zur Treppe zurückgekehrt sind, war alles in bester Ordnung und ich habe mit Genuß eine Steaksemmel verzehrt und mir dazu ein erstes Bierchen zwecks Wiedergewinnung verlorener Substanz gegönnt !
Fazit: Es war ein wunderbares Erlebnis einmal bei einer Weltpremiere als Aktiver mitzuwirken und dem großen Organisationsteam um Christian Hunn und Peter Heilsberg sei noch einmal herzlicher Dank ausgesprochen. Da alles so gut geklappt hat, nisten sich im Hinterkopf auch schon Gedanken an 100km oder 24-Stunden-Bewerbe ein - man wird sehen :o)
Schließlich sei mir noch ein dezenter Hinweis für potentielle Sponsoren gestattet: Hätte ich einen Medienreferenten, so wären wieder einige Sekunden Fernsehzeit ( MDR - Sachsen-Spiegel 17.4.2005 19:00 ) zu verbuchen gewesen :o) ...